Dienstag, 3. Februar 2026

Pokerface

Das Telefon läutet. Ach herrjeh, denkt sie sich, gleich geht es wieder los. Sie wappnet sich, spannt ihre Arme an und schon spürt sie den Griff des Büroangestellten. Gleich wird sie angehoben, gedreht, geschwenkt, rotiert, vielleicht sogar, wie ein Kreisel benutzt, indem er einen ihrer Arme mit der Spitze auf den Schreibtisch drückt, einen Finger an ihrem hinteren Ende und den anderen Arm als Schwung gibt, dass sie sich um sich selbst dreht. 
Immer, wenn er telefoniert, spielt er nebenbei mit ihr Karussell. Anfangs wurde ihr manchmal schlecht dabei und sie musste sich bemühen, ihre Klammern nicht auf den Tisch zu kotzen, aber mittlerweile findet sie es ganz lustig. Aber - und das ist die eigentliche Herausforderung - sie darf ja nicht lachen! Pokerface ist angesagt, denn wie sähe das denn aus, wenn die Dokumente plötzlich mit gebogenen Heftklammern zusammengehalten würden!

Dienstag, 27. Januar 2026

Die Auflösung

Der Außerirdische kam um 21:07 Uhr hier an und stieg aus dem Raumschiff, das sich gemäß des Programms innerhalb 99 Sekunden rückstandslos auflöste. Exakt zum Zeitpunkt seines Verschwindens registrierte er, dass die Erdatmosphäre sein Äußeres angriff und kippte vornüber da seine Hülle weich wurde und begann in den Boden zu rinnen. Noch bevor er ein Reparaturprogramm starten konnte, war er hüllenlos und somit handlungsunfähig. Übrig blieb nur ein Teil seiner Kopfmaske. 


Dienstag, 13. Januar 2026

Gestrandet







Verflixt - diese Silvesterparty war wirklich aus dem Ruder gelaufen. Gut, das war auch früher schon passiert, aber trotzdem. Wie in drei Teufels Namen war er nur hier gelandet?
Während er noch überlegt, wen er dazu befragen könnte, wird ihm klar, dass er es so genau lieber doch nicht wissen will.


Freitag, 28. November 2025

Engagement auf hoher See

Entgeistert über das bleiche Gesicht, das ihm aus dem Spiegel entgegenblickt verlässt er die Koje mit dem Waschbecken. Sein Engagement auf dem Luxusdampfer hat er sich anders vorgestellt. Ja, er kann jeden Abend in der Bar sein Repertoire singen, nur hört ihm niemand zu. Das Schiff ist so riesig, dass sich nur vereinzelt Gäste in die dunkle Bar im zweiten Untergeschoss verirren. Die meisten sind oben an Deck, wo es ebenfalls Drinks gibt und meiden "seine" Absackerbar, in der es immer so riecht, als käme gerade Dampf aus einer Spülmaschine. Kein Wunder, dass er jeden Abend trinkt bis zur Bewusstlosigkeit. 


wortman-Drabble: singen - riesig - Dampf

Freitag, 14. November 2025

Nur ein paar Schritte

Ein Handschuh - da liegt ein Handschuh mitten auf der Straße.
Schwarz glänzend, nass. Klar, es ist Herbst, die Nächte kalt, die Tage mild und sonnig. Das in Verbindung mit den vielen Seen hier ergibt Nebel. Also ist es klar, dass er nass ist. Ich sehe ihn, als ich am Weg zum Bahnhof die Straße entlang gehe, schon von weitem. Er liegt auf Höhe eines Hauses, von dem ich weiß, wer in ihm wohnt. Gehört er S.? Soll ich ihn aufheben, ihn an die Haustüre legen? Über den Zaun hängen? Ich bin mir nicht sicher. Beim näherkommen ändert sich mein Blickwinkel. Plötzlich sehe ich - das ist kein Handschuh, sondern ein toter, schon sehr zerfledderter Vogel, der da liegt. Das arme Tier!
Was ist passiert? Er muss gegen ein fahrendes Auto gestoßen sein, Schädelhirntrauma - tot. Den kann ich unmöglich mitten auf der Straße liegen lassen. Zu dumm, dass ich trotz der kühlen Temperaturen keine Handschuhe angezogen habe. Womit kann ich ihn aufheben? Ich bräuchte eine Schaufel, einen Karton oder etwas in der Art, um ihn von der Straße zu kratzen und ihn dann, ein paar Meter weiter, in die Büsche zu legen. Damit er nicht so ausgestellt hier liegen muss.
Doch schon zwei Schritte weiter, aus wieder neuer Perspektive - jetzt schon ganz nah - erkenne ich, es ist ein kleiner Ast mit fächerförmigen Blättern, der da liegt und kann beruhigt, meinen Weg zum Bahnhof fortsetzen.

Schon faszinierend, was im Gehirn innerhalb von ein paar Augenblicken alles abläuft.

Sonntag, 2. November 2025

Schade ...

Als ich gestern 1.11. zwar erst spätabends und auch gaaaanz ohne Vorsatz mitzumachen auf die NaNoWriMo-Seite gehen wollte, fand ich: Nichts! Die Seite existiert nicht mehr und dann tauchten unter dem Stichwort plötzlich Einträge von anderen langjährigen NaNoWriMos auf, dass die Organisation nach internen Problemen aufgelöst wurde. 
Schade!

25 Jahre lang war dieses anfangs als Studentenjux gestartete Projekt für viele Schreibende ein Fixpunkt im Jahr. Das Ziel - im November einen Text mit mindestens 50.000 Wörtern zu schreiben - war (für mich) oft gar nicht der Hauptgrund mitzumachen, aber alleine die Seite mit den Foren und der Möglichkeit seine Schreibfortschritte einen Monat lang zu tracken und zu sehen, wie es den anderen damit ergeht, war immer wieder eine Riesenmotivation.
Ich war 2017 das erste Mal dabei und habe seit dem jedes Jahr, außer 2022 mitgeschrieben. Die 50000 Wörter habe ich nur zweimal erreicht, aber trotzdem war es immer wieder schön, dabei zu sein.
Auch die ehemalige Schreibgruppe, bei der ich in Salzburg einige Jahre war, ist aus der Idee eine lokale NaNoWriMo-Gruppe zu gründen, entstanden. 
Und jetzt? 

Schreib ich erst mal in meinem gewohnten Rhythmus weiter und werde vielleicht die eine oder andere NaNoWriMo-Bekanntschaft "einfach nur so" kontaktieren und sie fragen, woran sie schreibt. 

Schönen Novemberstart euch allen! 

Freitag, 31. Oktober 2025

Ein Ausflug im Spätsommer

Leise öffnet er den Reißverschluss und kriecht auf allen vieren aus dem Zelt. Es ist noch früh, der Dunst hängt über der Wiese und alles ist patschnass. Das ist der Nachteil, wenn man so nah am Fluss campiert. Trotzdem ist dieser Platz ein Highlight seiner Radtour. Gestern Abend saß er noch lange am Ufer und hörte dem leisen Rauschen des Wassers zu. Er musste sich zwingen um Mitternacht ins Zelt zu kriechen, gerne hätte er noch länger diesem gleichmäßigen Rauschen zugehört und dabei die Sterne über sich bewundert. Aber er wusste, dass die heutige Etappe nur ausgeruht zu schaffen war. 


Puzzle-Drabble vom 31.10.25: Fluss - zwingen - früh