Samstag, 18. Januar 2020

Menschen - 10

 Frau Stille führte ein kleines Geschäft in dem es neben Zeitungen und Schreibwaren auch Süßigkeiten, Getränke und Geschenkartikel gab. Sie wurde ihrem Namen nicht gerecht. Sie war eine laute Frau, auch wenn sie gar nicht redete. Schon ihre Anwesenheit schien Lärm zu verursachen. Man konnte sie schon von weitem hören, wenn sie mit großen, ausholenden Schritten näher kam, jeden Schritt stakkatoartig in den Boden stampfend. Auch ihr Atem wurde schon bald gut hörbar, ein pfeifender Nebenton begleitete jedes ihrer Atemgeräusche. Die Gehbewegung selbst untermalte die Geräusche noch zusätzlich. Die Arme schwangen vor und zurück und die Reibung des Stoffes erzeugte ein Surren und Wischen. Ihre ganze Kleidung schien zu knistern zu und singen.
Und selbst wenn sie lautstark stehen blieb wurde es nicht anders. Nicht die erwartete Stille trat ein, sondern eine Art nachbeben und nachhallen. Als ob sich alle Geräusche neu ordnen und an die Bewegungslosigkeit gewöhnen müssten.

Mittwoch, 1. Januar 2020

(3) Schlechter Scherz

Am nächsten Morgen. Mein Wecker läutet und kaum bin ich wach, springe ich förmlich aus dem Bett. Das ist zwar sehr untypisch für mich, aber ich kann es einfach nicht mehr erwarten, Klarheit zu erlangen. Ich habe noch genügend Zeit, mein Zug fährt erst in 25 Minuten, also trinke ich noch einen Kaffee und überfliege noch einmal die Bundeslandnachrichten am Laptop. Da steht nichts von einem großräumigen Telefonnetzausfall. Na egal, in einer guten Stunde bin ich ja da.
Der Zug ist heute ungewohnt leer. Vielleicht haben die Schüler, des angrenzenden Gymnasiums ja frei. Aber auch sonst habe ich das Gefühl, lauter neue Gesichter zu sehen. Vielleicht bin ich ja einfach übertrieben aufmerksam nach dem gestrigen Erlebnis. Sonst bemerke ich ja kaum DASS da andere Menschen sind. Geschweige denn welche!
An der üblichen Haltestelle steige ich aus und gehe los. Es sind gerade mal 10 Minuten bis zum Hintereingang der Klinik und ich gehe zügig. Kurz bevor ich zu dem Tor komme, stocke ich. Irgendetwas stimmt da ganz und gar nicht! Wo ist der hohe Maschendrahtzaun, der die Tennisplätze umrahmt? Wo ist das Tor und das flache Gebäude hinter dem Gemüseacker? Fassungslos schaue ich auf die Fläche hinter dem Holzzaun, an dem ich mich jetzt auch festhalte! Das ist doch sicher nur ein schlechter Scherz. Wohin ist denn bitte das Klinikgelände verschwunden? Ich gehe ein paar Schritte weiter, den Blick lasse ich über die Wiese und eine Wohnhaussiedlung schweifen. Ich drehe mich um, schaue hinter mich. Alles normal. Ich gehe weiter, blicke nach vorne, wieder nach links. Von hier aus müsste ich schon das Gebäude sehen, in dem mein Büro ist. Es ist nicht da! Ich spüre, wie meine Beine unter mir nachgeben. Der Schweiß bricht mir aus und ich lasse mich einfach zu Boden sacken. Ein junger Mann fährt mit dem Rad an mir vorbei, legt eine Vollbremsung hin, springt vom Rad und ruft mir schon im Näherkommen zu:
Was ist denn los? Brauchen sie Hilfe?
Ich hole tief Luft. Konzentriere mich auf meinen Körper. Ich spüre den kühlen Boden unter mir, den Zaun in meinem Rücken, an den ich mich lehne. Ich spüre die frische Luft, die ich einatme und meinen Herzschlag. Ich spüre sogar, dass mein T-Shirt am Rücken ganz nass ist.
Geht schon, antworte ich. Ich glaube, das war der Kreislauf. Aber jetzt bin ich wieder voll da.
Er schaut mich zwar etwas zweifelnd an, nickt aber und setzt nach einem letzten prüfenden Blick auf mich seine Fahrt fort. Ich stehe wieder auf und drehe mich um. Mein Gehirn ist völlig überfordert mit der Situation und sendet mir keine normalen Sinneseindrücke mehr, sondern nur mehr kürzeste Informationsschnipsel. Baum. Sonnenblende an Terrassentür. Gelber Ball auf Wiese. Wimpel im Wind.

Mittwoch, 25. Dezember 2019

(2) Schlechter Scherz?

Ich schaue zum Tisch, leer. Zur Tür, leer. Wie bitte? Haben sich die Anzugträger plötzlich in Luft aufgelöst? Es kann doch gar nicht sein, dass sie auf ihren Füssen den Raum verlassen haben, das hätte ich doch auf jeden Fall hören müssen. Die Tür ist noch immer geschlossen. Ich glaube schon an eine optische Täuschung (vielleicht haben die beiden ja Tarndecken, wie Harry Potter oder die Hobbits?) und ändere meine Position. Vorsichtig gehe ich eine kleine Runde durch den Raum und kann mich gerade noch so zurückhalten, die Arme vor mir auszustrecken und damit tastend herumzufahren, um nicht gegen unsichtbare Menschen zu stoßen. Aber da ist nichts. Auch meine (wie ich noch immer annehmen muss, da ich ja nie erfahren habe, was darin steht) Akte ist weg.
Zweimal umkreise ich den Raum, dann schaue ich zur Sicherheit noch mal aus dem Fenster. Runter in den Hof - nein, da liegen sie nicht. Hinauf in den Himmel -  da sie sind auch nirgends zu sehen.
Was tun?
Im Bruchteil einer Sekunde schlägt meine Unentschlossenheit in Hektik um. Nichts wie raus hier. Gerade noch kann ich mich zusammenreißen nicht loszustürmen und gehe mit vorsichtigen, aber sehr zügigen Schritten zur Tür und lausche. Nichts zu hören. Ich drücke die Türklinge nach unten, die Türe öffnet sich lautlos. Ich spähe in den Gang - leer. Schnell schlüpfe ich hinaus, schleiche an der Tür vorbei, aus der zuerst noch die Stimmen zu hören waren, jetzt ist alles ruhig. Im ganzen Gebäude ist es unheimlich still. Ich steige vorsichtig die Stufen ins Erdgeschoss hinunter. Je weiter ich komme, umso unruhiger werde ich und immer schneller springe ich über die Stufen. Ich ermahne mich zur Vorsicht, aber nirgends ist ein Laut zu hören, wie zuvor, kein Mensch zu sehen. Am liebsten würde ich laut schreiend davon rennen, aber ich habe Angst, jemanden auf mich aufmerksam zu machen und bleibe bei meinem schnellen Gehtempo. Wohin soll ich gehen? Zurück in mein Büro? Ich trau mich nicht. Ich habe Angst, dort sofort wieder abgeholt zu werden. Nach Hause? Ist das dann unerlaubtes Fernbleiben und somit ein Kündigungsgrund? Egal. Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, zurück dorthin zu gehen, wo dieser Albtraum begonnen hat. Ich werde, sobald ich daheim bin, meine Chefin anrufen und ihr sagen, was vorgefallen ist und mich entschuldigen. Die Stunden kann ich diese oder nächste Woche wieder einarbeiten. Sie ist da sehr entgegenkommend.
Also nach ab nach Hause.

Mittwoch, 18. Dezember 2019

(1) Schlechter Scherz?


Montagvormittag. Es ist gerade mal 9 Uhr 49 und ich habe jetzt schon wieder keine Lust mehr auf meine Arbeit. Das Wochenende war so lala, als Ausrede habe ich immerhin, dass ich die Woche davor noch mit den Folgen einer fiesen Erkältung zu kämpfen hatte und mir die Energie für tolle Unternehmungen einfach fehlte. Aber trotzdem bin ich nicht so erholt und kopfdurchgepustet, wie es möglich wäre.
Naja, was soll’s. Dann also wieder die Datenbank. Die Zettel liegen vor mir,  neben mir. Die einen gehören eingegeben und abgelegt, die anderen eingegeben und weitergeleitet, weil sie auch noch an einer anderen Stelle erfasst werden müssen. Nichts, worüber ich noch irgendwie nachdenken müsste. Das läuft alles wie von selbst.
Ich sitze in einem Zimmer, das wie ein Wurmfortsatz des Sekretariats wirkt. Es ist groß und hell, aber eine Sackgasse. Dadurch habe ich aber auch meine Ruhe und kann konzentriert arbeiten. Manchmal, wenn im Raum hinter mir zu viel Lärm und Aufregung herrscht, schließe ich die Tür. Meistens empfinde ich es aber als ganz angenehm zu hören – wenn auch oft nur peripher – was dort passiert. So wie jetzt. Vom Gang her sind schwere Schritte zu hören, da kommt eine Gruppe zu uns.  Zwei Männerstimmen begrüßen die Kolleginnen und dann höre ich meinen Namen. Sie fragen nach mir. Ich gebe noch schnell eine Diagnose in die Datenbank und schaue nach den OP-Zeiten, um diesen Datensatz fertig zu haben, sollten die beiden etwas Längeres von mir brauchen. Ich wüsste zwar nicht was, aber gut.
Dann steht der eine schon neben mir und sagt.
Frau Müstiger ich muss sie bitten, die Arbeit zu beenden und mitzukommen.
Ich schaue ihn verständnislos an.
Mitkommen? Wohin?
Bitte stellen sie keine Fragen. Beenden sie ihre Arbeit und kommen sie.
Was heißt hier Arbeit beenden, muffle ich vor mich hin. Dazu brauche ich noch ein paar Stunden. Sagen sie mir bitte, was hier los ist?
Jetzt steht der zweite Mann dicht neben mir. Viel zu dicht. Er beugt sich so vor, dass ich von der Tastatur weggedrängt werde und nicht mehr zum Bildschirm sehe.
Bitte folgen sie unseren Anweisungen.
Eisig die Stimme.
Ich versuche mich umzudrehen, um herauszufinden, wie meine Kolleginnen auf die beiden reagieren, bin aber so eingezwängt, dass nicht mal das mehr möglich ist.
Ach was soll’s. Mit Bürokraten zu diskutieren ist so sinnlos, wie mit Meerschweinchen über Quantenphysik zu streiten. Ich schiebe schwungvoll den Bürosessel zurück und sofort schnappt sich M2 die Maus und Tastatur und beginnt wie wild darauf einzutippen. Was soll das denn bitte? Immerhin bin ich noch mit meinem Benutzernamen eingeloggt und dieser Typ führt da gerade was-weiß-ich auf? Dann sehe ich an seinem Rücken vorbei auf den Bildschirm. Ui, das sieht sehr nach Programmiersprache aus, was der da tut. Noch einmal setze ich an
Ich will wissen, was hier los i…
Es reicht!
Was war das jetzt bitte? Hat mich M1 gerade angeschrien, wie ein Volksschulkind? Fassungslos sitze ich da.
Also wenn sie nicht normal mit mir reden, gehe ich nirgendwo hin. Sie sagen mir jetzt, was sie von mir wollen, warum der Hansel da – ich deute mit dem Kinn auf M2 – den Computer manipuliert, während ich noch eingeloggt bin und schreien können sie überhaupt woanders.
M1 schaut mich mit versteinerter Miene an und sagt.
Wenn sie Widerstand leisten, rufe ich den Ordnungsdienst.
Das muss ich erst mal verdauen. Ich schließe die Augen und lasse den Morgen Revue passieren. Bin ich denn wirklich wach und physisch in der Arbeit angekommen oder liege ich noch im Bett träume wirres Zeug? Wache ich gleich auf und sehe, dass ich den Wecker abgestellt habe und noch mal eingenickt bin und mein Unterbewusstsein will mich durch dieses wirre Zeug aufwecken? Aber ich spüre doch den Sessel unter mir und auch, dass ich auf meine Unterlippe beiße.

Dienstag, 3. Dezember 2019

Ein Wort mit X....

Tja, man muss auch mal versagen können!
Wobei versagen im Zusammenhang mit dem NaNoWriMo ein großes Wort ist. Fast zu groß!
Es geht ja um "nichts" außer die 50000 Wörter. 
Und die habe ich heuer nicht annähernd geschafft. Allerdings habe ich auch mein mir persönlich gesetztes Ziel verpasst, wieder regelmässig zu schreiben. Egal wie viel, wie lange, nur schreiben. So hielt ich es bis vor einiger Zeit und kam dann aus meinem Rhythmus. Aber auch der wird sich wieder finden lassen.
Zumindest ist mir im November eine Idee für eine Geschichte eingefallen. Ein paar Seiten sind dazu schon geschrieben und wenn ich den Dezember nicht ähnlich verkacke, wie den November, wird sie hier bald zu lesen sein. 

Jetzt fällt mir gerade auf, dass es ja auch heißen könnte: Ein Wort mit X - das ging ja fix! 😀

Samstag, 16. November 2019

No NaNo - Nanu?

Da ist heuer eindeutig der Wurm drin. Leider nicht der Bücherschreibwurm, sondern ein anderer, der mich nun schon seit Tagen vom Schreiben abhält. 
Nennen wir ihn einfach mal Leben. Leben denkt sich tolle Sachen aus, die mich zeitlich und vor allem gedanklich so fesseln, dass da einfach zu wenig Raum für eine weitere Geschichte übrig geblieben ist. 
Da es aber heuer nicht mein erklärtes Ziel war, die Wortanzahl zu erreichen, werde ich einfach weiterschreiben und mich überraschen lassen, wohin mich die Geschichte noch führt. Ab wann es weitergeht, weiß ich noch nicht, erst mal muss ich die Erkältung loswerden, die mich nun schon einige Tage niesend mit "ohne Luft" und tränenden Augen rumliegen lässt.