Freitag, 14. April 2017

Ein Schmetterling

Ein Schmetterling fliegt um die Ecke.
Dort sieht er einen Kohleofen, der nicht mehr brennt.
was tust du hier, fragt er.
gar nichts, antwortet der Ofen. ich habe ein Burn-Out.

Der Schmetterling nickt und fliegt weiter. Es erscheint ihm logisch. Er fliegt über eine kleine Straße, über die gerade ein Mann geht.
Der sieht den Schmetterling und bewundert seine Leichtigkeit, seine bunten Flügel, die Art und Weise, wie er mit dem leichten Wind spielt.
Ach wäre ich doch auch so frei wie er, denkt er sich. Frei und unabhängig. Ohne Verpflichtungen. Ich müsste auf niemanden mehr Rücksicht nehmen.
Er blickt noch einmal auf, aber der Schmetterling ist schon aus seinem Blickfeld verschwunden. Nachdenklich geht er weiter. Seine Gedanken verselbständigen sich und beginnen, leicht wie ein Schmetterling durch die Gegend zu flattern. Er blickt ihnen nach und wundert sich, dass sie auf einmal so leicht und unbeschwert sind. Vorsichtig beginnt er seine Arme auf und ab zu bewegen und gelegentlich ein kleines Hüpferchen dazu zu tun. Das fühlt sich gut an!
Er macht weiter, schlägt mit seinen imaginären Flügeln, springt und dreht sich um seine eigene Achse. Ein paar Leute kommen ihm entgegen, sehen ihn entgeistert an, wechseln die Straßenseite.
Ein Kind, das begeistert mitmachen will, weil es das Schöne noch erkennt, wird schnell von seiner Mutter an der Hand weggezogen. Es protestiert, stemmt sich dagegen, spürt – das ist das Leben, dort will es hin, es verdreht den Kopf, versucht noch einen letzten Blick auf den Mann zu erhaschen, muss sich schließlich geschlagen geben und spürt seine ganze Machtlosigkeit und Abhängigkeit mit einem Male wie ein tonnenschweres Gewicht auf seinen Schultern. Es senkt den Kopf, damit die Mutter die Tränen nicht sieht, die über seine Wangen rinnen.

Samstag, 31. Dezember 2016

Der Tag, an dem ich das Internet gelöscht habe

Ich bin, bzw. war eine durchschnittliche Internetnutzerin. Ich sage das an dieser Stelle nur, um zu betonen, dass das, was ich getan habe, keinesfalls in böser Absicht geschah. Ich habe meine Online-Zeit nie aufgeschrieben, aber sie würde beweisen, dass das, was mir nun viele vorwerfen, dass ich willentlich, vorsätzlich oder gar auf Auftrag gehandelt hätte, nicht stimmen kann.

Dienstag, der 14. Jänner 2014 war ein seltsamer Tag. Es herrschte eine seltsame Morgenstimmung, als ich zum Bus ging, um zur Arbeit zu fahren. Nicht mehr ganz dunkel, aber statt dem üblichen Morgengrauen Richtung Osten herrschte eine leicht gelbliche Färbung, die sich über den ganzen Himmel zog. Kaum saß ich, die Stöpsel meines mp3-Players in den Ohren im Zug, vergaß ich jedoch, darauf zu achten. Ich lauschte dem Hörbuch mit geschlossenen Augen und war völlig entspannt. Auch in den anschließenden achteinhalb Stunden meiner Arbeitszeit hatte ich nicht die Muße, mich den Wetterstimmungen zu widmen. Beim Heimkommen allerdings war sie wieder da. Eine Himmelsfärbung, wie sie normalerweise einfach nicht vorkommt. Gelblich und künstlich – mit diesen Worten lässt sie sich am besten beschreiben. Künstlich gelb. Gelblich künstlich. Ein gekünsteltes Gelb. Kunstvolles Gelb. Vergilbte Kunst?
Egal. Es sah seltsam aus. Unwirklich.
Zuhause dachte ich nicht weiter darüber nach. Ich war müde und hatte keine Lust zu putzen, abzuwaschen oder sonst was Nützliches im Haushalt zu machen. Also setzte ich mich an meinen Laptop, startete ihn hoch und wollte die Verbindung zum Internet aufbauen.
„Verbindung fehlgeschlagen“ poppte auf – komisches Fenster übrigens, grau-hellgrau, mit abgerundeten Ecken und einer seltsam dreidimensional wirkenden Schrift. Überhaupt wirkte die ganze Benutzeroberfläche anders als sonst. Zwar waren die gleichen Icons am Desktop zu sehen, aber dessen Farbe wirkte tiefer, die Grafiken plastischer und überhaupt.
„Vielleicht ist da mal wieder so ein automatisches Update drüber gelaufen, von dem ich nichts mitgekriegt habe“, dachte ich bei mir. Aber egal.
Ich schloss das Fenster und versuchte erneut, ins Internet einzusteigen. Während ich darauf wartete, dass die Verbindung sich aufbaute, zogen Gedanken wie Filmausschnitte vor meinem inneren Auge vorbei. Wie eine Spinnenfrau hantle ich mich über ein riesiges, netzartiges Gebilde, das zwischen zwei, hmmm, was denn jetzt: Säulen? Zaunpfählen? Erdkugeln? Jaaa, Erdkugeln sind gut. das sich also zwischen zwei Erdkugeln spannt und versuche, dort einzusteigen... Allerdings trage ich dabei kein anliegendes Spiderman-Trikot, sondern eine Krachlederne und ein rot-weiß kariertes Hemd! Naja, innere Bilder halt. Die sollte man ja auch nicht immer so genau hinterfragen! Jedenfalls tauchen da immer wieder Pop-Up Fenster auf, über die ich klettern muss, was aber nicht möglich ist, weil sie so glatt sind und ich immer wieder abrutsche! Wie schon gesagt: innere Bilder halt!
Jedenfalls leuchtete mir auch in der Realität wieder so ein blödes Fenster entgegen. Wieder „Verbindung fehlgeschlagen“.
„So ein Mist“, maulte ich leise vor mich hin. „Heute will es nicht so, wie ich!“ Unmotiviert klickte ich ein wenig auf dem Verbindungstool herum, schaute mir die Einstellungen an und... hoppla, da stimmte doch was nicht! Warum und wie auch immer sich die Einstellungen geändert hatten war mir nicht klar, aber ich war mir sicher, da stand früher etwas anderes. Ob das an der feindlichen Übernahme der Mobilfunkanbieter lag? Vielleicht sollte das jetzt so sein. Aber funktionieren tat hier gar nichts.
Also nahm ich entnervt das Telefon in die Hand und wählte auswendig (!) - das sagt ja schon alles – die Nummer der Hotline. Nach einer vergnüglichen Viertelstunde in der Warteschleife mit abwechselndem Dauerwerbegesäusel und Täterätätätätääää-Musik, wurde ich gleich mal von der ersten Mitarbeiterin, die für mich frei war, aus der Leitung geschmissen. Für den 2. Anlauf machte ich mir eine Flasche Bier auf und kramte mit einer Hand mein beheizbares Fußbad aus dem Wandschrank. Wasser rein, Badeöl hineingeträufelt, eingeschaltet, ahhhhh, ja, so ließ es sich doch gleich viel besser in einer Warteschleife aushalten! Allerdings dauerte es dieses Mal nur noch gut 10 Minuten, bevor mir ein junger Herr mit abenteuerlichem Dialekt die richtigen Einstellungen diktierte, allerdings auch gleich darauf hinwies, dass es „sauberer“ sei, das Programm erst zu löschen und dann neu und richtig zu installieren, da Änderungen bei bestehenden Einstellungen oft nicht oder nur teilweise übernommen werden könnten. „Auch gut“, dachte ich bei mir, „saubere Lösungen mag ich ja grundsätzlich gerne...“
Also suchte ich erst in der Systemsteuerung – Software - installierte Programme, den Deinstallation-Assistenten, konnte aber nichts finden. Auch gut, dann eben klassisch mit rechte Maustaste und... tatsächlich, hier erschien die Möglichkeit „löschen“ zur Auswahl! Frisch-fröhlich klickte ich darauf.
Plopp: „Warnung! Sie löschen hier nur die Verknüpfung auf dem Desktop. Wenn sie das Programm löschen wollen, geben sie folgenden Pfad ein:
C: Programme/Internetverbindungen und Netzwerke/ Internet“
Mach ich doch glatt: tipsel, tipsel, tip. So.
„Wollen Sie löschen?“
„Ja“
„Bitte wählen Sie aus:
o    Teile des angezeigten Programms? (empfohlen)
o    Alles (nur für routinierte User)“
„Alles“
„Sind sie sicher?“
„Ja“ (du elektronischer Depp – ich würde doch nicht alles löschen sagen, wenn ich nicht alles löschen wollen würde, also bin ich mir sicher)
„Das Löschen dieses Programms kann weitreichende Folgen für bla, bla, bla, bla, und ist unwiederbringlich verloren, bla, bla, bla, kann nicht wiederhergestellt werden“

Jetzt mal im Ernst: haben Sie jemals eine dieser Warnmeldungen von vorne bis hinten durchgelesen UND verstanden? Ich nicht. Die wurden doch einzig und allein dafür kreiert, dass ängstliche User sich nicht trauen, vorinstallierte, mistige Programme zu entfernen und durch womöglich hochwertigere und anwenderfreundlichere der Konkurrenz zu ersetzen!
Langer Rede kurzer Sinn, ich habe 3x, 5x oder 17x auf „Bestätigen“ oder „löschen bestätigen“ oder „alles löschen bestätigen“ oder sonst was geklickt, ohne weiter mitzulesen.
Plopp-popp! Ein neues Fenster erschien mit der Meldung:
„Löschvorgang gestartet“
und dann sah ich zu, wie viele, viele kleine Icons von Bildern, docs, etc. (das musste auch eine dieser Neuerungen sein) in Richtung eines riesigen Mülleimers flogen, aus dem bläulich-gelbe Flammen züngelten.
„Wirkt viel realistischer als der frühere leicht bieder wirkende Papierkorb“, dachte ich bei mir. Die Geschwindigkeit erhöhte sich derart, dass ich gar nicht mehr zuschauen konnte, weil mir richtiggehend schwindlig dabei wurde. Aus den Augenwinkeln wirkte es, als ob die gesamte Benutzeroberfläche von den 4 Ecken des Bildschirms aus zu dem Verbrennungsofen gesaugt und darin verbrannt würde. Ich verlor das Zeitgefühl, mein Blick war aus dem Fenster gerichtet. „Seltsam“ dachte ich mir, „der Himmel wirkt noch immer so gelb wie heute Morgen, obwohl es doch schon dunkel ist.“ Wie lange ich so saß, weiß ich nicht mehr. Als mein Blick zurück zum Bildschirm ging, war er leer. Schwarz. Tot.
Nur in der Mitte prangte wieder eines dieser seltsamen Pop-Up Fenster:

„Internet gelöscht von Marion Müstiger,
am 15.1.2014 um 0 Uhr.
Keine Wiederherstellung möglich“

Uupsi! Das war wohl doch etwas zu viel des Guten. Ich bewegte die Maus, um das Fenster weg- und den Verbrennungsofen anzuklicken. Der Cursorpfeil bewegte sich zwar noch brav hin und her, aber an dem Fenster ließ sich nichts verändern. Auch der Ofenmüll tauchte nicht mehr auf. Da gab es wohl eine sehr gut funktionierende Selbstzerstörungsfunktion. Mist!!

Mein Telefon läutete. Was denn? Um Mitternacht?? Ich ging dran. Eine Männerstimme brüllte mir ins Ohr. „SIND SIE WAHNSINNIG??? WAS HABEN SIE GETAN???“ Ich legte auf. Sofort klingelte es wieder. Ich nahm ab. „Are YOU Marion Müstiger? What the hell did you...“ Ich legte auf, schaltete das Telefon aus, löschte das Licht und schaltete den Computer und alles andere aus, was mich hätte verraten können.
Dann setzte ich mich mit einer Wasserflasche und 2 Decken in den Keller und wartete, bis die Nacht vorbei war. Um acht Uhr morgens schaltete ich das Telefon wieder ein, ignorierte das Läuten und rief bei der Bezirkshauptmannschaft an. „Guten Morgen, mein Name ist Marion Müstiger und ich wollte mich über die Möglichkeit einer Namensänderung erkundigen“, sagte ich vorsichtig. Der Beamte hörte meinen Namen und sagte sofort: „Aber selbstverständlich Frau Müstiger, in ihrem Fall liegt eine Dringlichkeit vor, die es uns erlaubt, ihre Namensänderung sofort und ohne Gegenprüfung durchzuführen. Haben Sie sich denn schon einen neuen Namen ausgesucht?“ Ich atmete hörbar auf. „Ja“, sagte ich „ich würde gerne...“
Nein – diesen Namen, den ich seit diesem Tag trage, verrate ich Ihnen ganz sicher nicht!

Freitag, 18. März 2016

Das Fenster zum Hof

"Das sind die Letzten".
Hinter ihr schob der Kellner zwei hohe Stapel mit Tellern auf die Ablagefläche. Sie wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. Heiß war es hier immer. Im Sommer noch mehr, als jetzt im November. Aber auch in den kalten und trüben Monaten stand sie hier in der Hitze der Restaurantküche an ihrem Arbeitsplatz, wo sich auch noch die hohe Luftfeuchtigkeit der Spülanlage dazu mischte. Ihr Blick ging nach oben zu dem kleinen Fenster. Ja doch, es war gekippt. Trotzdem kam keine Abkühlung durch den schmalen Schlitz oberhalb ihres Kopfes. Egal, sie arbeitete weiter.
Essensreste abkratzen, die Teller und Schüsseln in die Gestelle der Spülmaschine schlichten und mit der Handbrause vorspülen. Sobald der aktuelle Korb fertig war, ihn auf der anderen Seite rausziehen und nächsten Korb rein. Startknopf drücken, nächster Korb. Sie arbeitete zügig und konzentriert. Jeder Handgriff saß, schließlich stand sie seit fast drei Jahren an fünf Tagen die Woche, an diesem Platz. Beinahe hätte sie die Stelle nicht bekommen, weil der Restaurantbesitzer von ihrer geringen Körpergröße so überrascht war, dass er ihr diese Arbeit nicht zutraute. Abwäscher waren sonst oft junge, kräftige Männer, aber keine hageren, kleinen Frauen wie sie. Vor allem keine, die schon auf die sechzig zugingen. Ihr war das egal. Sie hatte ihn angesehen und gesagt: "Probieren Sie es aus. Sie werden schon noch sehen, was Sie an mir haben."
Und das sah er. Während die anderen Hilfskräfte in der Küche beinahe im Jahreswechsel kamen und gingen, blieb sie. Sie sprach nicht viel und schon gar nicht von sich. Selbst der Küchenchef, der schon jahrelang in dem Betrieb arbeitete und zu allen Mitarbeitern einen guten Draht hatte, wusste kaum etwas über sie. Auf seine wenigen Fragen hatte sie nur sehr einsilbig geantwortet und ihm war ihr Unbehagen darüber befragt zu werden, so deutlich geworden, dass er es unterließ weiter in sie zu dringen.
Sie kam pünktlich, erledigte ihre Arbeit in ihrem ganz eigenen Rhythmus, der auf den ersten Blick vielleicht langsam wirkte, aber so effizient war, dass sie nie länger brauchte, als die anderen. Sie hatte nicht einen Tag wegen Krankheit gefehlt und die zwei Wochen Urlaub, die ihr nach dem dreiwöchigen Betriebsurlaub noch zustanden in der Zeit konsumiert, in der sonst niemand gehen wollte.

Mittwoch, 20. Januar 2016

Zwischendurch

Sie geht, sie läuft, sie rennt
Sie steht, sie schaut, sie denkt
Sie weiß nicht weiter, überlegt
Zuckt mit den Achseln unentwegt

Freitag, 6. November 2015

Möglichkeiten



Es gibt viele Möglichkeiten eine Geschichte zu schreiben...

Es beginnt mit einem Gedankenfaden, den man weiterspinnt, die Figuren des Buches beginnen ein Eigenleben zu entwickeln und die Geschichte wird lebendig.
Doch irgendwann im vergangenen Jahr überlegte ich mir, wie oft ich eine Geschichte andere Wendungen nehmen lassen könnte, indem sich die Figuren nur ein klein wenig anders verhalten, als sie es tun. Die Idee gefiel mir, denn sie lässt viel Platz für Gedankenspiele und Phantasie.
Also begann ich einen durchschnittlichen Tag im Leben einer durchschnittlichen Frau in verschiedenen Möglichkeiten zu beschreiben. 
Was wäre wenn... sie gut gelaunt und selbstbewußt durch den Ort spaziert, statt mit gesenktem Kopf und in sich gekehrt?
Was wäre wenn... sie beschließt, nicht in den Zug zu steigen, der sie zur Arbeit bringt?
Was ware wenn... sie die Türglocke überhört, weil sie gerade beschäftigt ist?
Und was, wenn sie sie hört und die Türe öffnet?

Das Schönste an diesem Gedankenexperiment - jede dieser Möglichkeiten könnte auch zu ganz anderen Ergebnissen führen!

Mehr dazu gibt's hier! >Klick<

Mittwoch, 26. August 2015

Die letzte Runde




Die letzte Runde Korrekturlesen nach dem Lektorat ist geschafft!

Eine klitzekleine Entscheidung, die Einleitung betreffend ist noch offen, sonst fehlt mir nur mehr das Bild für's Buchcover und dann....

... wird "das Neue" noch heuer im Herbst veröffentlicht!


Sonntag, 12. Juli 2015

Inspiration

ist beim Schreiben ebenso wichtig, wie das Dranbleiben, das Durchhalten.
Und wenn sie sich eine Zeitlang nicht von selbst (oder mit den üblichen Hilfen) einstellen mag, muss ich eben ein wenig "nachhelfen". 
So geschehen heute im "Schreib.Raum" in Innsbruck, wo ich mit drei weiteren "Schreiberinnen" erst ein gemütliches Frühstück mit netten Gesprächen und danach drei Stunden intensive Schreibzeit in angenehmer Atmosphäre genossen habe.
"mein" heutiger Schreibplatz
Und da ist in mir wieder der Gedanke einer eigenen Schreibgruppe erwacht, den ich zwar schon seit über einem Jahr mit mir herumtrage, aber noch nie versucht habe, umzusetzen. Mehr dazu in den nächsten Wochen hier!